Männlichkeiten als Lebensweise in Geschichte und Gegenwart

Männlichkeiten als Lebensweise in Geschichte und Gegenwart

Organisatoren
Arbeitskreis für interdisziplinäre Männer- und Geschlechterforschung – Kultur-, Geschichts- und Sozialwissenschaften (AIM GENDER); Johannes Kuber, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart; Britta Hoffarth, Zentrum für Geschlechterforschung, Universität Hildesheim; Martin Dinges, Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart; Diana Lengersdorf, Geschlechtersoziologie, Universität Bielefeld; Toni Tholen, Literaturwissenschaft, Universität Hildesheim
Ort
Stuttgart
Land
Deutschland
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
15.06.2023 - 17.06.2023
Von
Julia Rüegger, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft / Philosophie, Universität Basel

In den Einleitungsstatements zeigten Diana Lengersdorf (Bielefeld), Martin Dinges (Stuttgart), Britta Hoffarth (Hildesheim) und Toni Tholen (Hildesheim), dass der konzeptuelle Zugriff auf Männlichkeiten als Lebensweisen bedeutet, Männlichkeit und Geschlecht im Anschluss an Andrea Maihofer als Existenzweise zu bestimmen, womit gleichermaßen ein historisch-gesellschaftlicher wie auch ein individuell-subjektiver Aspekt von geschlechtlicher Struktur in den Blick genommen werden kann. Das Zusammendenken dieser beiden Strukturmomente ermögliche es besonders gut, Widersprüche und Ungleichzeitigkeiten in den Blick zu nehmen. Dabei wurde daran erinnert, dass sich trotz vielfältiger Diskurse und Praktiken, die darauf zielen, traditionelle Männlichkeitsdispositive aufzubrechen und Männlichkeit neu zu codieren, zugleich neue Formen patriarchaler Herrschaft etablieren, die nicht selten Allianzen mit rechtsextremen Strömungen eingehen. Die Tagung hob so dazu an, Konstruktionen von (nicht-)hegemonialen Männlichkeiten in alltäglichen und außeralltäglichen Lebensweisen in ihrer inneren Spannung und Pluralität zu diskutieren und aufzuzeigen, wie und wodurch sich der Möglichkeitsraum praktizierter Männlichkeiten verschiebt und dabei Ordnungen (de-)stabilisiert werden. Mit dem Fokus der Tagung sollte zugleich eine intensivierte inter- und transdisziplinäre (Geschlechter-)Forschung angestoßen werden.

Im ersten Vortrag in der Sektion zu queeren Männlichkeiten präsentierte JEAN-FRANÇOIS LAPLÉNIE (Paris) Napoleon Seyfarths mediale Selbstinszenierungen als Tierwerden im Zeichen von Aids. Der deutsche Autor und Schwulenaktivist Seyfarth stellte zu Lebzeiten (1953–2000) einen Ordner namens „Ein Leben im Brühwürfel Format“ für das Schwule Museum Berlin zusammen, um queere und schwule Lebensweisen für die Öffentlichkeit zu archivieren. Seyfarth wurde bekannt durch sein autobiografisches Buch „Schweine müssen nackt sein“ (1991), in dem er bürgerliche Rollenerwartungen thematisierte und die Zuschreibung, „schmutzig zu sein“ humorvoll-subversiv affirmierte. Als der an Aids erkrankte Autor 1993 zu Weihnachten einen Sarg bekam, stattete er auch diesen mit Schweinemotiven aus. Sein Auftreten war zunehmend von queeren Selbstinszenierungen und Selbststilisierungen geprägt, die im Kontext von Aids, in dem ausgemergelte Körper zum doppelten (sozialen und physischen) Stigma wurden, auch als eine Art Selbstbehauptung und gesellschaftliche Revolte zu verstehen waren.

Daran anschließend thematisierte WALTER ERHART (Bielefeld) paradoxale Bewegungen in einer Ästhetik der Transgression, die er in literarischen Texten queerer und nichtbinärer (männlicher) Identität ausmacht und fragte zugleich, ob Binarität angesichts gelebter Geschlechtervielfalt für die aktuelle Männlichkeitenforschung noch eine fruchtbare Kategorie sei. So enthüllt Édouard Louis in seinem autobiografischen Buch „Anleitung ein anderer zu werden“ (2022, Orig. 2021) Männlichkeit als performative Praxis, wobei Männlichkeit zugleich als triste Serie von Stereotypen einer unterprivilegierten Klasse gezeigt wird. Kim de l’Horizons „Blutbuch“ (2022) ist die literarische Erkundung einer neuen Existenzweise jenseits von männlichen und weiblichen Attributen; die eines genderfluiden Körpers, der die Grenzen des männlichen Körpers überschreitet und mit einer Utopie entgrenzter Geschlechtlichkeit endet. Bei allen Auflösungsbestrebungen setzt sich das „Blutbuch“ aber auch damit auseinander, wie schwierig es ist, binäre Kategorien gänzlich zu überwinden. Torrey Peters Buch „Detransition, Baby“ (2022, Orig. 2021) wiederum erzählt von Amy, für die es verheißungsvoll erscheint, sich in eine Transfrau zu verwandeln, die später aber trotz ihrer nichtbinären Identität wieder eine männliche Lebensweise annimmt und versucht, von gelebter Erfahrung und konkreten Geschlechtspraktiken aus bestehende binäre Kategorien zu hinterfragen. Die Ausgangsfrage, ob „Männlichkeit“ inmitten der vielfältigen queer-theoretischen Diskurse als Kategorie ihre Bedeutung verliere, beantwortete Erhart vor diesen literarischen Zeugnissen ambivalent mit ja und nein.

In der zweiten Sektion mit dem Fokus auf Jugend berichtete MICHAEL MEUSER (Bochum) von einer komparatistischen Studie, in der er mit Kolleg:innen die Visual Kei- und die Rockabilly-Szene auf ihre Praktiken des doing gender untersucht hat. Ausgangspunkt war die Annahme, dass Szenen als Formen posttraditionaler Vergemeinschaftung mit überwiegend zeitlich begrenzter Zugehörigkeit einen außeralltäglichen Ort der Verhandlung und Transformation, aber auch der potentiellen Verfestigung von Geschlechts(-identität) ermöglichen. Während die Visual-Kei-Szene, deren Anfänge im Japan der 1980er-Jahre liegen und die seit 2000 eine weltweite Verbreitung erfährt, mittels aufwendiger ästhetischer Inszenierung fluider Geschlechtskörper die Überschreitung der Geschlechterbinarität praktiziert und damit als Beispiel marginalisierter bzw. inklusiver Männlichkeit (Anderson) zu deuten ist, orientiert sich die Rockabilly-Szene an einer hegemonialen Männlichkeit und einer komplizenhaften (Retro-)Männlichkeit. Die Mischung aus Rock’n’roll und Hill Billy nimmt dabei positiv Bezug auf Musik- und Lebensstil, Autos und Motorräder der 1950er-Jahre sowie auf Alkohol und raue Männlichkeit und inszeniert geschlechterdifferente Körperästhetiken, in denen „authentische“ Geschlechtlichkeit nur in tradierten Rollen(-polaritäten) denkbar ist. Zu diskutieren bleibt die Frage, welche Bedeutung diesen Geschlechterverhandlungen zukommt, wenn die Szene wirklich nur als Teilzeitzugehörigkeit mit geringem Einfluss auf den regulären Alltag der jeweiligen Szenegänger:innen zu verstehen ist.

In die Sektion zu männlichem Leben im Spätmittelalter führte HENDRIK HESS (Bonn) ein und thematisierte spätmittelalterliche Konstruktionen von Männlichkeit am Beispiel des römisch-deutschen Herrschers im 13. Jahrhundert. Dabei zeigte er auf, dass „die Geschlechtlichkeit […] ein Tun“ war (Georg Simmel) und insbesondere im Falle eines Herrschers und Hegemons eine Inszenierung verlangte, in der Widersprüche wie Potenz und Enthaltsamkeit, Stärke und Milde gelingend aufgefangen werden konnten. Die Stellung des Herrschers in der spätmittelalterlichen Geschlechterordnung wurde maßgeblich über rituelle Repräsentationsformen bestimmt und musste sich zu divergierenden Vorbildfiguren wie Rittern, Mönchen und Gelehrten verhalten. Auch in Verbindung zu semiotischen Räumen (Juri Lothmann) wie Hof, Gericht, Stadt, Land und Schlachtfeld zeigte Hess auf, dass Geschlecht, in den Worten von Joan W. Scott, ein Feld bezeichnet, „by which or by means of which power is articulated“.

GABRIELA SIGNORI (Konstanz) stellte Gerichtsfälle von Männern vor, die 1478/79 in Straßburg vor das Rügegericht kamen, weil ihre Frauen fremdgingen oder sie von ihren Frauen geschlagen wurden, ohne sich gegen diese zur Wehr zu setzen und sie zu bestrafen. Damit bezweckte das Rügegericht, das sich aus Vorurteilen speiste und auf Basis von anonymer Denunziation arbeitete, die Transgression der vorgesehenen Geschlechterordnung zu bestrafen, normiertes Verhalten zu produzieren und mitunter Gewalt gegen Frauen zu legitimieren. Zugleich markierte der geschlagene Mann als Antiheld einen Wandel in der Geschlechterordnung zu Ungunsten der Frauen. Anhand einer Illustration aus einem englischen Traktat zum Kirchenrecht zeigte Signori weiter auf, dass die Umkehrung von Geschlechterordnungen zu jener Zeit ein beliebtes, auch humoristisch grundiertes Motiv war, wobei die dargestellte Geschlechterzugehörigkeit vor allem anhand von Symbolen (Bart, Geldbeutel, Spinnrad, Gelehrtengurt, Schamkapsel etc.) erkennbar wird.

Die vierte Sektion widmete sich historischen und gegenwärtigen Fragen rund um (Krisen der) Väterlichkeit. MARTEN WEISE (Frankfurt am Main/Berlin) exemplifizierte die Problematik der Väterlichkeit anhand der Szene und Krise der Vaterschaft in Friedrich Hebbels Drama „Maria Magdalena“ von 1843. Darin sieht sich Klara allein aus Gründen der Ehre gezwungen, Leonard zu heiraten, der es nur auf ihre Mitgift abgesehen hat und der sie vorsätzlich schwängert, als er ihre Liebe zum Sekretär bemerkt. Als Klaras Bruder des Juwelendiebstahls bezichtigt und ins Gefängnis geworfen wird, droht ihr Vater sich das Leben zu nehmen, sollte Klara ihn auch enttäuschen. Am Ende fordert der Sekretär Leonard zum Duell auf, um Klara zu rächen, die von Leonard inzwischen wieder verlassen wurde, doch Klara hat sich bereits im Brunnen ertränkt, um ihrem Vater die Schande eines unehelichen Kindes zu ersparen. Dem väterlichen Schlusssatz – „Ich verstehe die Welt nicht mehr“ – kommt damit sowohl auf dramatischer als auch auf familialer und gesellschaftlicher Ebene eine große Bedeutung zu. Denn die damalige Krise der Väterlichkeit und des väterlichen Sprechens ist auch eine Krise des Dramas als Form, insofern „beide, Familie als auch Drama […] sowohl das Ideal der Natürlichkeit als auch dasjenige der Geschlossenheit teilen“ (Miriam Dreysse). Auch in anderen Aussagen wie „Hu, mich schauderts vor der Zukunft“ benennt der Vater Meister Anton eine Verstrickung und ein Dysfunktionalwerden familialer Verhältnisse, deren er nicht mehr Herr werden kann.

JONATHAN VOGES (Hannover) beschrieb anhand von Bildmaterial der seit 1957 erscheinenden Zeitschrift „Selbst ist der Mann“ die Herausbildung der Figur des Heimwerkers als einer spezifischen geschlechtlichen und sozialen Rolle der Nachkriegszeit, die es dem Familienmann ermöglichte, Zeit daheim verbringen zu können, ohne als effeminiert zu gelten. Mit der Etablierung des Heimwerkertums ging zugleich ein innerhäusliches spacing einher, das die geschlechtliche Arbeits- und Rollenteilung aufrechterhielt, die sich zugleich in der je nach Geschlecht unterschiedenen Vermittlung handwerklicher Fähigkeiten an die Töchter und Söhne reproduzierte. Indem sich das Heimwerken des Mannes deutlich von der alltäglichen und immer wieder neu zu leistenden Hausarbeit der Frau abgrenzen sollte, ermöglichte es vielen Männern eine Art häuslicher Präsenz in einer unmittelbar mit dem maskulinen Bereich der Technik verbundenen Tätigkeit. Das Heimwerker-Ideal verband sich so auch mit der Eigenheim-Ideologie und dem Haus als Symbol gelungener bürgerlicher Männlichkeit, für die sich das Heimwerken als eine selbstbestimmte Freizeitaktivität von den (unfreiwilligen) Handwerkertätigkeiten der Arbeiterklasse unterschied.

MATTHIAS LUTERBACH (Basel) widmete sich der Art und Weise, wie involvierte Vaterschaft Männer in ihrem Selbst- und Fremdverhältnis heute prägt und mit welchen Bedürfnis- und Konfliktstrukturen sich involvierte Väter auseinandersetzen (müssen). Nach einer kurzen historischen Einordnung familialer Lebensweise im 18. und 19. Jahrhundert und der in dieser Zeit sich intensivierenden Verväterlichung der männlichen Existenzweise stellte Luterbach einen Auszug aus seiner empirischen Forschung vor und thematisierte das in den Interviews mit verschiedenen Vätern wiederkehrende Motiv der Zurückweisung der eigenen Väter als Vorbilder. Dabei zeigte sich, dass die zwischen 30 und 40 Jahre alten Väter auf einen Bruch mit der hegemonial-bürgerlichen Väterlichkeit setzen, die sie in ihren eigenen Vätern noch fortgesetzt sehen und die sich auch auf emotional-zwischenmenschlicher Ebene zeigt. Neben dieser Abkehrbewegung konnte in den Interviews aber auch eine positive Struktur und eine Geneigtheit ausgemacht werden, wenn die interviewten Väter davon erzählten, wie sie von ihren Kindern berührt werden und dass sie die in diesem Zuge neugemachte Erfahrung, Kontrolle abzugeben, als positiv erachten. Luterbach setzte damit einen besonderen Fokus auf das, was noch nicht in ein rundes Narrativ geronnen, sondern noch im Wandel ist und für das mitunter erst eine Sprache gefunden werden muss.

Den Auftakt zur fünften Sektion mit dem Fokus auf Männlichkeiten in der Kunst machte GESINE SCHRÖDER (Leipzig), die anhand der drei Figuren Spielmann, Deserteur und Galgenvogel Männerliebe, -leben und sterben im deutschen Kunstlied vorstellte. Sie bezog sich auf die Lieder, die Robert Schumann in den 1840er-Jahren schrieb, wofür er sich von Carl Czernys Anleitung zum Fantasieren von 1832 inspirieren ließ. Diese Lieder, zu denen auch „Muttertraum“ gehört, stehen in der Tradition der Schwarzen Romantik, in der das Schaudern und der Schrecken von zentraler Bedeutung sind. Die ausgewählten Lieder thematisieren besonders aufgeladene Berufsgruppen wie die des Soldaten, des Galgenmanns oder des Dichters bzw. deren negative Abwandlungen Deserteur, Räuber und Spielmann. Geschrieben wurden die Stücke in einem capecci, einer ver-rückten Art zu komponieren, die für Schumann zuletzt die einzig mögliche Art des Komponierens war.

ISABELLE WAGNER (Darmstadt) präsentierte das Drama „Graf Karl von Adelsberg“ (1776) von Ludwig Philipp Hahn aus intersektionaler Perspektive mit Fokus auf Männlichkeit, Behinderung und soziale Zugehörigkeit. Das Stück handelt von Karl von Adelsberg, der dem Credo „Es ist des Mannes Sache, zu agieren“ nicht nachkommen kann, da er immobil im Rollstuhl sitzt. Er ist gefangen zwischen Macht (in Bezug auf seinen Adelsstatus) und Ohnmacht (in Bezug auf seine Gesundheit), zwischen Erfüllung und Scheitern eines hegemonialen Ideals. Am Beispiel der von Pierre Bourdieu formulierten homologen Gegensätze von im binären System sozialisierten Körpern zeigte Wagner, dass der Graf, indem er in seinem Rollstuhl umhergeschoben wird und gezwungen ist, darin zu bleiben, mit passiven, nicht-männlichen Attributen ausgestattet wird. Hinzu kommt, dass der Graf auch der vorherrschenden Vorstellung, wie ein Mann im 18. Jahrhundert mit Schmerz umzugehen habe („ja nicht verzärteln“), nicht entspricht und zudem auf sexueller Ebene scheitert und es nicht schafft, die Gräfin sexuell zu befriedigen. Aus dieser fragilen körperlichen Situation bzw. der gekränkten Männlichkeit entspringt sodann die Gewalttätigkeit des ohnmächtigen Grafen. Doch selbst sein Versuch, die Gattin zu töten, misslingt ihm.

URSULA MATSCHKE (Stuttgart) thematisierte männliche Leidenschaften in den avantgardistischen Bewegungen des Vitalismus, Futurismus und Suprematismus. Zu den Merkmalen dieser Bewegungen zählte der Wunsch nach einer sinnlich erlebbaren Inszenierung der Moderne, zu der maßgeblich die Ästhetisierung des Krieges und der Technik gehörten. So propagierte Ernst Jünger (1895–1998) die Ästhetisierung des Krieges zur Lösung bürgerlicher Identitätskrisen und stilisierte den Arbeiter zu derjenigen Gestalt, welche die technische Welt beherrscht. Tommaso Marinetti (1876–1944) predigte Gewalt und Geschwindigkeit als neue Religion, kreierte die Figur des „technischen Helden“ und war eine Zeitlang in der politischen Gefolgschaft Benito Mussolinis aktiv, bevor er sich aufgrund seines politischen Anarchismus und anderer Differenzen wieder von ihm abwandte. Kasimir Malewitsch (1879–1935) schließlich sah in der Technik, anders als in der teleologischen Hoffnung proletarischer Herrschaft, eine sinnstiftende Realität und empfand Gegenstandslosigkeit und maximale Abstraktion als prädestiniert für ein sinnhaftes Erleben bzw. eine „irrationale Rationalität“.

FLORENZ GILLY (Wien) widmete sich einer intermedialen Betrachtung des Pissoirs als potentiell gewaltvollem Ort der Widersprüche, der Überforderungen und der performativen Aushandlung sowie als Bedürfnis- und Erziehungsanstalt in panoptischer Manier. Um zu zeigen, wie im Akt des Urinierens am Pissoir eine bestimmte Männlichkeit performt und affirmiert wird und von ungeschriebenen Regeln abweichendes Verhalten zu Misstrauen oder Bestrafung führt, verwies Gilly auf die dick talks in Ralph Holes Buch „Gefährliche Männlichkeiten“ und die Urinierszene bei Woyzeck vor dem Arzt, in der Scham als Machtinstrument eingesetzt wird. Der These einer amerikanischen Autorin, dass Pissoirs ein so „maskulinistischer“ Ort seien, dass dort sogar straight men hemmungslos homosexuellen Sex haben könnten, weil ihre Männlichkeit in diesem Kontext gar nicht infrage stehe, stand Gilly skeptisch gegenüber und formulierte abschließend die Perspektive, dass das Pissoir wieder verschwinden oder zumindest „gequeert“ werden möge.

Die Sektion zu männlichen Selbstkonstruktionen leitete ANNIKA HÜBNER (Potsdam) ein, die biographisches Erzählen anhand der Briefe Ewald Christian von Kleists (1715–1759) an seinen Freund Wilhelm Klein als konstitutiven Faktor von Männlichkeit(en) beschrieb, insbesondere da Kleist in zwei divergierende Männlichkeitskonstruktionen verstrickt war, nämlich als preußischer Offizier und kriegerischer Mann auf der einen und als empfindsam-melancholischer Dichter auf der anderen Seite. Die im Duktus des Freundschaftskults geschriebenen Briefe von Kleist an Klein thematisieren diese Spannung mehrfach, unter anderem mit der Feststellung: „unter Officirs ist es eine Art von Schande, ein Dichter zu sein“. Hübners abschließende These lautete, dass Kleist in den Briefen nicht nur sein Leben bezogen auf den Körper erzählt – als Form des habitualisierten Wissens –, sondern sich mit seiner Doppelrolle als Dichter und Offizier auch erfolgreich auf den sozialen Feldern positionierte, wobei die Korrespondenz als zentrales Hilfsinstrument diente.

ANDREAS WEIGL (Wien) präsentierte Spuren von männlichem Heroismus und männlichem Mut in Selbstzeugnissen und Berichten von und über Geistliche im Dreißigjährigen Krieg. Diesen Selbstzeugnissen kämpfender Mönche, beispielsweise Pater Konrad Burger (1613–1680), entnahm Weigl, dass die Brutalisierung und Martialisierung der Gesellschaft während dieser Zeit bis hinein in den Stand der Geistlichen stattgefunden habe und damit eine Aufwertung des Helden einherging, die dem bellizistischen Zeitalter ohnehin nicht fremd war. Inwiefern diese massenhafte Rekrutierung bereits ein militärisches Männlichkeitsdispositiv entwarf und der Heroismus von späteren militärischen Männlichkeitsidealen abzugrenzen wäre (und wo Kriegslist und Mut überhaupt in Heldentum übergehen), konnte jedoch nicht ganz trennscharf ausgemacht werden.

ANNE-GRETA SACHER (Oldenburg) diskutierte die Herstellung und Aushandlung von Männlichkeiten in den spätmittelalterlichen Pilgerberichten des 1432 geborenen Dominikaners Felix Fabri, der Generalprediger und Subprior in Ulm war und gleich zweimal ins Heilige Land pilgerte, worüber er jeweils ausführliche Reiseberichte verfasste. Dass in diesen Berichten Männlichkeit als relationales Konstrukt erkennbar wird zeigt sich u.a. an der Kontrastierung weiblich/männlich, die in Bezug auf die Reisegruppe aufgemacht wird, wobei die mitreisenden weiblichen Pilgerinnen das Ansehen der Ernsthaftigkeit der Reisegruppe zu gefährden drohen, obwohl Fabri die Darstellung der sechs Frauen auch zum Zweck der Aushandlung verschiedener Männlichkeitstypen und der Frömmigkeit benutzt. Ritterliche Männlichkeit mit aggressiven Verhaltensweisen wird stellenweise als Gefahr und Ärgernis dargestellt und mit der vorbildhaften Streitszene zwischen zwei muslimischen Kameltreibern kontrastiert, in der die Ehrverletzung auf friedliche und vernünftige Art bewältigt werde. Auch die bedeutsam integrierte Katharinen-Legende macht vielfache geschlechtliche Deutungsangebote, wie auch der ganze Bericht vielfache performative und diskursive Aushandlungen von Männlichkeit enthält, die der Vorstellung eines einheitlichen Männlichkeitstypus deutlich widersprechen.

In der siebten Sektion zu männlichen Nahbeziehungen deutete KATJA KAUER (Fribourg/Tübingen) serielle Monogamie und emotionalen Kapitalismus als männliche Genderpraktik der Spätmoderne und zeigte dies an den beiden Romanen „Das Liebesleben des Nathaniel P.“ von Adelle Waldman (2015, orig. 2013) und Thomas Klupps „Paradiso“ (2009). Ausgehend von einem Zitat aus Ronald M. Schernikaus „Kleinstadtnovelle“ (1980) argumentierte sie, dass heterosexuelle Männer ihre Machtposition nicht länger über beruflichen Erfolg und gesellschaftlichen Status legitimieren können und daher die phallische Qualität als letzte Ressource der Distinktion und Selbstbestätigung übrigbleibe. Sich über den Konsum von Frauen aufzuwerten, die Jagd nach Frauen als Sexobjekten zur Schau zu stellen und zugleich emotionale Distanziertheit zu kultivieren, werde damit zur dominanten männlichen Genderpraktik. Dies deckt sich auch mit Eva Illouz' These, dass vor dem Hintergrund der sexuellen Liberalisierung der Umgang mit Sexualität zu einer neuen Möglichkeit avancierte, Status und Kompetenz auszustrahlen. Dabei sei der Verführungsakt allerdings beinahe frei von libidinöser Energie. Vielmehr handle es sich bei den diskutierten Praktiken um einen Normalisierungsprozess, dem rationale Entscheidungen vorhergehen, der menschliche und sexuelle Anziehung auf normalisierte Körper reduziere und eine Entzauberung und Enterotisierung vorantreibe.

TATJANA FENICIA (Zürich) sprach über die informelle Polygamie reicher russischer Männer und damit einhergehende neue Machtdynamiken in Geschlechterbeziehungen. Sie bezog sich dafür auf Interviews aus dem Jahr 2021 mit betroffenen Frauen in peripheren Regionen Russlands sowie auf virtuelle Communityforen wie women.ru. Es habe sich innerhalb der Mittelschicht und oberen Mittelschicht eine Praxis der Polygamie gebildet, die staatlich zwar nicht anerkannt, aber auch nicht sanktioniert werde und die zur Herausbildung vieler paralleler (und gleichzeitig finanziell versorgter) Familien sowie zur zunehmenden sozialen Akzeptanz informeller Polygamie führe. Als einflussreiche Faktoren für diese Entwicklung nannte Fenicia den Übergang vom kommunistischen zum kapitalistischen Staat und das Entstehen einer russischen Business-Elite seit den 90er-Jahren, die sie auf theoretischer Seite mit der von Blood und Wolfe festgestellten „tendency to commodity relations with women“ und dem Konzept der transnational business masculinity (Connell/Wood) verband. Eine Folge dieser Entwicklung sei die zunehmende finanzielle Abhängigkeit von Frauen und die Herausbildung sexualisierter Strategien mit dem Zweck, einen „Sponsor“ zu finden. Felicia beschrieb dies als Transition männlicher Identität von nicht-hegemonialer Monogamie zu hegemonialer Polygamie, die möglicherweise eine neue Kulturpraxis der upper class in Russland begründe.

In der abschließenden Sektion zu Berufsmännlichkeit besprach SEBASTIAN WENGER (Konstanz) den Einfluss hegemonialer Männlichkeitsbilder auf das Gesundheits- und Krankheitsverhalten von Ärzt:innen im 20. Jahrhundert. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lasse sich eine erhöhte Wahrscheinlichkeit psychischer Erkrankungen, Betäubungsmittelabhängigkeit und Selbstmordgefährdung im ärztlichen Beruf feststellen, die nicht nur mit beruflichen Rahmenbedingungen, sondern auch mit einem spezifischen Berufshabitus zu tun habe, der die Sorglosigkeit um das eigene Wohl und außerordentliches Pflichtgefühl beinhalte. Weitere Ursachen der erhöhten Gesundheitsrisiken liegen in der Überschneidung zivilberuflicher und militärischer Wertvorstellungen, im Einfluss von Burschenschaften und ihrem Ideal des klaglosen Ertragens von Schmerz, in der erwarteten Fassade der psychischen und physischen Unversehrtheit von Ärzt:innen als Voraussetzung eigener Kompetenz sowie im Umkehrschluss in der Tabuisierung eigener Krankheit, die begünstigt, dass es während psychischer Erkrankungsphasen oft zu Suchtverhalten komme. Eine besonders hohe Suizidrate lasse sich bei jungen Ärztinnen feststellen, vermutlich, weil die Anpassungsleistungen an den Ärztehabitus bei Frauen mit erheblichem Mehraufwand verbunden sind. Denn obwohl der Ärzteberuf statistisch gesehen immer weiblicher werde, bestünden der eigentlich überholte männliche Habitus sowie die patriarchale Berufsstruktur fort, und die wichtigen Positionen (Ärztekammern etc.) werden weiterhin männlich besetzt.

ANIKA THYM (Basel) thematisierte die Verstrickungen von ökonomischer Herrschaft und männlichem Geschlecht anhand qualitativer Interviews mit Männern aus Führungspositionen in der Finanzbranche. Vor der Annahme, dass es anziehende und abstoßende Affekte gibt (Sarah Ahmed), zeigte Thym widersprüchliche affektive Dynamiken von Männern in Führungspositionen. So erfordere das Glücksversprechen der Machtposition eine Unterwerfung unter dieses Versprechen, das zumindest auf der einen Seite zu mehr Anerkennung, Bekanntheit und Selbstwertgefühlen führt. Ein Interviewter berichtete aber auch, wie sich Ekel vor den eigenen Überlegenheitsgefühlen einstellte und dem gegenüber gerade die Familie und die mit den Kindern verbrachte Zeit zum Ausgangspunkt neuer Perspektiven wurde, die eine Abwendung von männlicher Suprematie mit sich brachten. Diese Bewegung nicht nur der negativen Abstoßung vom Kritisierten, sondern auch der positiven Hinwendung zu etwas anderem verstand Thym mit Toni Tholen als „Kritik aus affektiver Fülle, als vielfältiges Genießen“, in dem ein emanzipatives, gesellschaftlich transformatives Potenzial entsteht, ein Begehren, nicht mehr in dieser Weise regiert zu werden und zu regieren (Michel Foucault).

In der Abschlussrunde wurde die Differenziertheit der Beiträge sowie der Raum für Diskussionen und Nachfragen gelobt. Es wurde vorgeschlagen, bei der nächsten Tagung im Dezember 2024 mehr Perspektiven aus der Praxis einzubeziehen und mehr Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Für diese Tagung wurden Themenvorschläge diskutiert, die um Hegemonie kreisen, so die Frage nach Hegemonie in ihrer spätmodernen Gestalt sowie die Frage, ob die vielfältigen Lebensweisen, die heute zu beobachten sind, die Hegemonie aufsprengen bzw. an den Rand drängen und wie das Verhältnis von Hegemonie und Lebensform zu bestimmen ist. Ein weiteres Anliegen betraf die intensivierte Diskussion über Konzepte und Begrifflichkeiten, um in angemessener Weise über Geschlechterordnungen in verschiedenen historischen Kontexten sprechen und diese auch in inter- und transdisziplinär differenzierter Weise reflektieren zu können. Schließlich wurde der Mitbegründer und langjährige Koordinator des Arbeitskreises AIM Gender, Martin Dinges, mit herzlichem Dank für die jahrelange Mitarbeit offiziell verabschiedet.

Konferenzübersicht:

Einleitende Kurz-Statements

Martin Dinges (Stuttgart), Diana Lengersdorf (Bielefeld), Britta Hoffarth (Hildesheim), Toni Tholen (Hildesheim)

Sektion 1: Queere Männlichkeiten

Jean-François Laplénie (Paris): Napoleon Seyfarths mediale Selbstinszenierungen. Untergeordnete Männlichkeit und Tier-Werden unter dem Zeichen von Aids

Walter Erhart (Bielefeld): Nicht-binäre Männlichkeit. Zur Paradoxie einer Ästhetik der Transgression

Sektion 2: Jugend

Michael Meuser (Dortmund): Praktiken außeralltäglicher (Nicht-)Männlichkeiten. Geschlechterkonstruktionen in Jugendszenen

Sektion 3: Männliches Leben im Spätmittelalter

Hendrik Hess (Bonn): Maskulinität(en) im Spätmittelalter. Konstruktionen der Männlichkeit des römisch-deutschen Herrschers im 13. und 14. Jahrhundert

Gabriela Signori (Konstanz): Männlichkeit vor dem Straßburger Rügegericht (1478/79)

Sektion 4: Väterlichkeit

Marten Weise (Frankfurt am Main/Berlin): Die Szene der Vaterschaft. Drama & Krise

Jonathan Voges (Hannover): Heimwerken – eine Vatergeschichte?

Matthias Luterbach (Basel): Involvierte Väterlichkeit. Transformation männlicher Sorgelogik in eine neue Ethik der Sorge

Sektion 5: Männlichkeiten in der Kunst

Gesine Schröder (Leipzig): Spielmann, Deserteur und Galgenvogel. „Männerliebe, -leben und -sterben“ im German Lied

Isabelle Wagner (Darmstadt): Zur Intersektionalität von Männlichkeit, Behinderung und sozialer Schicht. Eine Analyse des Dramas „Graf Karl von Adelsberg“ (1776) von Ludwig Philipp Hahn

Ursula Matschke (Stuttgart): Männliche Leidenschaften – Vitalismus, Futurismus und Suprematismus. Eine künstlerische Avantgarde in der Dynamik der Moderne und als symbolische Repräsentanz politischer Macht

Florenz Gilly (Wien): Am Pissoir

Sektion 6: Männliche Selbstkonstruktionen

Annika Hübner (Potsdam): Biographisches Erzählen als konstitutiver Faktor von „Männlichkeit(en)“ in Briefen Ewald Christian von Kleists (1715–1759)

Andreas Weigl (Wien): Spuren von „männlichem“ Heroismus und „männlichem“ Mut in Selbstzeugnissen und Berichten von und über Geistliche im Dreißigjährigen Krieg

Anne-Greta Sacher (Oldenburg): Männer unterwegs. Herstellung und Aushandlung von Männlichkeiten in den spätmittelalterlichen Pilgerberichten des Dominikaners Felix Fabri

Sektion 7: Männliche Nahbeziehungen

Katja Kauer (Fribourg/Tübingen): Serielle Monogamie und emotionaler Kapitalismus als männliche Genderpraktik der Spätmoderne

Tatjana Fenicia (Zürich): Male polygamy. An emerging trend in the group of economically successful men in contemporary Russia

Sektion 8: Berufsmännlichkeiten

Sebastian Wenger (Konstanz): Ärztlicher Habitus und hegemoniale Männlichkeit. Der Einfluss hegemonialer Männlichkeitsleitbilder auf das Gesundheits- und Krankheitsverhalten von Ärztinnen und Ärzten im 20. Jahrhundert

Anika Thym (Basel): Lebensweisen von Männern aus Führungspositionen in der Finanzbranche. Selbstreflexion und Transformation